Dunkler Spiegel für ein strahlendes Oeuvre
Die letzte Aufnahme des schwedischen Jazz-Trios ist ein Akt der Verweigerung
Seit die Amerikaner nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit der politischen auch endgültig die kulturelle Vorreiterrolle eingenommen hatten, empfinden Europäer eine geheime Lust, diese kulturelle Hegemonie der USA punktuell zu brechen. Wenn dies dann auch noch im Bereich des Jazz gelingt, dieser uramerikanischsten aller Kunstformen, stellt das ein ganz besonderes Vergnügen dar. Dieses Kunststück gelang vor zwei Jahren der Formation e.s.t., dem Esjbörn Svensson Trio. Die drei Schweden hatten es tatsächlich bis auf das Cover des amerikanischen Downbeat Magazines geschafft, eine Ehre, die bis dato ausschließlich US-amerikanischen Jazzern vorbehalten gewesen war. Dieses Sakrileg verleitete einige kleingeistige europäische Journalisten zu Häme und einige bornierte amerikanische Jazzmusiker zu Verunglimpfungen über den “Faux Jazz” aus Old Europe.
Esbjörn Svensson und sein Trio hatten diese musikalische Lässigkeit und Coolness, die man sonst nur im amerikanischen Jazz wieder findet – nicht zuletzt einer der Gründe, warum sich e.s.t. auch in den Staaten etablieren konnten. Zum Teil wurde die “Eroberung” des neuen Kontinents auch durch die Patronage des Jazz-Gitarristen Pat Metheny befördert, der zurzeit wohl einflussreichste amerikanische Jazzmusiker. Selbst ein Misanthrop und Eigenbrödler wie Keith Jarrett hielt öffentlich Fürsprache für die Kollegen aus Übersee.
Das schwedische Trio hatte im Laufe der Jahre nie die Formation gewechselt, der Pianist Svensson und sein Schlagzeuger Magnus Oström machten sogar schon zusammen Musik, als sie noch bei ihren Eltern wohnten – im polygamen Jazzbetrieb eine absolute Seltenheit. Durch diese Konstanz hatte die Musik von e.s.t. im Laufe der Jahre, seit 1990 mit Dan Berglund am Bass verstärkt, eine konzentrierte Entschlossenheit entwickelt, durch das vertraute Zusammenspiel dynamische Kraft, und durch das genialische Talent von Esbjörn Svensson für ausgefallene, aber eingängige Melodien Schönheit. So erreichten sie mit dem aufregenden Album Viaticum von 2002 Gold- und Platinstatus – ein wunderbarer und verdienter Erfolg!
Durch den plötzlichen Unfalltod von Esbjörn Svensson im Sommer erschien nun Anfang diesen Monats das letzte Album “Leucocyte” der Band als unfreiwilliges Vermächtnis. e.s.t hatte die Aufnahmen Sommer 2007 in Sydney eingespielt; das Album sollte einen Neuanfang markieren, eine Zäsur. Die so perfekt funktionierende Mischung aus kompositorischen und improvisatorischen Elementen, die das bisherige Werk von 12 Alben so zugänglich gemacht hatte, wurde hier durch die freie Form ersetzt. Zwar eröffnet das erste Stück, “Decade”, das Album in gewohnter Manier, doch die offenen Akkorde, der unentschlossene Ansatz einer Melodie hat keine Richtung. Das Piano-Solo-Präludium bleibt eine Impression ohne Stimmung. Der zweite Track, “Premonition – Earth”, entwickelt über seine 17 Minuten zwar eine gewisse Dramaturgie, doch das uninspiriert scheppernde Crescendo offenbart ein allgemein gültiges Gesetz: Kunst funktioniert nie ohne Ideen.
“Ad Mortem” ist schließlich ein 13-minütiges Manifest der Verweigerung: eine schrill wehklagende Klangcollage mit einer verzerrt irrlichternder Klavierstimme, die hoffnungslos und ungeordnet von dunklen Schmerzen kündet.
In den Scherben dieses missglückten Neuanfangs spiegelt sich die Pracht eines Oeuvres, das es nach wie vor zu entdecken gilt.
© Lewis Gropp 2008
e.s.t. – Leucocyte. ACT
– erschienen September 2008 im Bonner Generalanzeiger